CRIME IS KING

Wie viel Logik verträgt ein Film, in dem schwer bewaffnete Elvis-Imitatoren ein Casino zerlegen, während im Intro digitale Wüstentiere um ihr Leben kämpfen? Und warum hängt ein Rapper im Kugelregen freiwillig kopfüber an der Decke wie eine Zielscheibe? Crime is King liefert auf diese Fragen eine laute, blutige Antwort. Das Werk ignoriert jede filmische Logik und zieht seine Faszination gerade aus den völlig absurden Details – von Kevin Costners Elvis-Wahn bis hin zu versteckten Hommagen und einer hanebüchenen Romantik.


D. Lichtenstein I USA 2001 I FSK 18 I 125 Min.

Der Grund für das Chaos liegt hinter den Kulissen: Weil sich Kurt Russell und Kevin Costner nach dem Dreh über die Tonart uneins waren, ließ das Studio beide eine eigene Version schneiden. Während Russell eine lockere Komödie wollte, setzte Costner seine Vision durch: einen düsteren Action-Thriller. Das Testpublikum wählte Costners Schnitt – und hinterließ uns ein Debüt von Demian Lichtenstein, das die Logikregeln des Heist-Kinos komplett ignoriert. Einst von der Kritik zerrissen, wandert das Werk heute als Guilty-Pleasure-Spektakel durch die Kinowelt.

„Das faszinierende Dokument einer Ära, in der Hollywood dachte, tonnenweise Platzpatronen könnten ein funktionierendes Drehbuch ersetzen.“

Showdown im Glitzerfummel

Die Prämisse klingt wie ein Fiebertraum: Eine bewaffnete Bande von Kriminellen nutzt die jährliche Elvis-Lookalike-Convention in Las Vegas, um das Riviera Casino zu überfallen. Getarnt in glitzernden Elvis-Kostümen stürmen Michael (Kurt Russell), Murphy (Kevin Costner) und ihre Crew den Spielsaal. Dass der anschließende, blutige Raubüberfall nicht mit Elvis-Klassikern, sondern mit dröhnendem Nu-Metal und aggressivem Elektro-Sound unterlegt ist, passt zum widersprüchlichen Konzept. Der Überfall mutiert in Sekundenschnelle zu einem FBI-Feuergefecht mit einer Schneise der Verwüstung. Bei der Beuteverteilung über 3,2 Millionen Dollar in einem Wüstenmotel eskaliert der Gier-Egoismus: Murphy eliminiert seine eigenen Männer. Michael überlebt dank einer kugelsicheren Weste knapp und flieht mit der Prostituierten Cybil (Courteney Cox) und deren Sohn. Es entbrennt eine Verfolgungsjagd quer durch die Provinz, während Murphy eine blutige Spur hinterlässt, um das Geld zurückzuholen.

Skorpione aus der Spielehölle

Die ersten Minuten des Films markieren bereits den absoluten Sündenfall der frühen Computeranimation. Noch bevor die Story beginnt, wirft Lichtenstein dem Zuschauer eine Sequenz um die Ohren: Zwei digitale Skorpione treten in einer Wüstenarena zum Showdown an, während im Hintergrund ein künstlicher Gewittersturm tobt. Was 2001 als Einstieg im Stile damaliger Musikvideos gedacht war, gilt heute als Beispiel für misslungene Tricktechnik. Die Texturen wirken flach, die physikalischen Bewegungen besitzen kein Gewicht und das Ganze erinnert frappierend an einen billigen Windows-95-Bildschirmschoner, den jemand hastig in der Mittagspause animiert hat. Dieser pixelige Einstieg ist ein visuelles Mahnmal einer orientierungslosen Epoche und der perfekte Vorgeschmack auf einen Film, der Realismus komplett ignoriert.

Schnittgewitter: Der reine Hyper-Kinetismus

Der Film nutzt einen extrem schnellen Schnittrhythmus und orientiert sich visuell an der typischen Musikvideo-Ästhetik der späten 90er-Jahre. Um die Jahrtausendwende versuchten Regisseure wie McG bei 3 Engel für Charlie oder Michael Bay bei Bad Boys II, den rasanten Stil des Musikfernsehens auf abendfüllende Spielfilme zu übertragen. Visuelle Merkmale wie plötzliche Freeze-Frames, künstliche Zooms, Weitwinkelobjektive und unruhige Handkameras prägen das Bild. Jede Einstellung dauert oft nur Sekundenbruchteile, Kameras wirbeln durch den Raum, und das Sounddesign ist künstlich übersteuert. Ein Detail fällt dabei beim Schauen besonders auf: Jedes Mal, wenn Kevin Costner im Film beschleunigt, sich umdreht oder sein langer Ledermantel im Wind weht, wurde auf der Tonspur das Geräusch einer peitschenden Ledergeißel oder eines Sturms unterlegt.

„Eine Ära, in der eine Einstellung im Schnittgewitter vor allem cool aussehen musste und die logische Erzählung zweitrangig war.“

Die cineastischen Kuriositäten: Shin-Kicks und Snickers-Romantik

Kurt Russell stand als Kind tatsächlich mit dem echten Elvis vor der Kamera (1963). Als der Junge Jesse ihm im Film gegen das Schienbein tritt, ist das eine versteckte Hommage daran, dass der junge Russell damals im echten Film Elvis genau so gegen das Schienbein treten musste. Sogar das Album, das er im Fahrstuhl signiert, ist der echte Original-Soundtrack von damals. Für Detailverliebtheit sorgt das Nummernschild des '59er Cadillacs, auf dem die Buchstaben „3KMTG“ prangen – die Insider-Abkürzung für den Originaltitel des Films.

Sogar die Garderobe spiegelt den Konflikt hinter den Kulissen wider: Während Kurt Russell nach dem Überfall in eleganten, dunklen Anzügen die geplante Gaunerkomödie mimt, läuft Kevin Costner in abgewetzten Biker-Lederjacken und lauten Paisley-Hemden durch das Bild, um den psychopathischen Thriller zu erzwingen. Legendär ist seine Szene auf dem Highway, als er mitten in der Fahrt eine brutale Vollbremsung hinlegt – nur weil sein Beifahrer ein falsches Wort über Elvis verliert.

„Es gibt nur einen King, Kleiner, und ich bin sein rechtmäßiger Thronfolger.“

— Murphy

Im Kontrast dazu steht Michaels stumpfe Gangster-Romantik: Nachdem Cybil erwähnt, dass Frauen Schokolade lieben, legt er ihr am nächsten Morgen als Liebesbeweis wortlos ein Snickers aufs Kopfkissen. Die hanebüchene Logikverweigerung gipfelt darin, dass Michael mitten auf der Flucht vor dem FBI seelenruhig anhält, um für Cybil ein gestohlenes Abendkleid zu besorgen – während um ihn herum die Welt brennt. Überhaupt wirft das Skript ein absurdes Erzähltempo auf, bei dem die weiblichen Figuren bereits kurz nach dem Kennenlernen mit den Protagonisten anbandeln. Und im Finale stirbt der getroffene Pilot nicht einfach – er zelebriert es in Melodramatik und sackt über den Steuerknüppel, während das Flugzeug in Zeitlupe trudelt. Ein klarer Fall von: Elvis has left the cockpit.

Ice-T im Piñata-Style

Unter den Momenten hat eine Szene einen bleibenden Status im Gedächtnis hinterlassen: Der Auftritt von Ice-T als Gangster Hamilton. In einer Sequenz, die jegliche taktische Vernunft vermissen lässt, seilt sich Ice-T im Kugelregen von der Decke ab. Er hängt kopfüber im Seil und ballert rotierend mit zwei Maschinenpistolen gleichzeitig um sich. Die Aktion stiehlt niemandem die Show, sondern lässt den Zuschauer fassungslos zurück. Man fragt sich unwillkürlich, welcher Gangster freiwillig den Piñata-Style wählt und sich als menschlicher Boxsack ins Kreuzfeuer hängt, nur um sich im schlimmsten Fall die eigenen Beine wegzuballern. Es ist die filmgewordene Manifestation einer Ära, in der Logik keine Rolle spielte, solange eine Einstellung im Schnittgewitter auffällig wirkte.

„Ein filmischer Albtraum für Taktiker, der das komplette Fehlen eines funktionierenden Drehbuchs einfach mit tonnenweise Paillettenanzügen kompensiert.“

Das fette Action-Brett: Wucht, Härte und ein genialer Imagebruch

Jenseits aller unfreiwilligen Komik besitzt das Werk Qualitäten, die das Prädikat Edel-Trash absolut rechtfertigen. Die eigentliche Casinosequenz im Riviera gehört inszenatorisch zum Brachialsten, was das Actionkino um die Jahrtausendwende auf die Leinwand geworfen hat. Wenn die fünf Imitatoren im Synchron-Zeitlupenlauf durch den Saal schreiten, während um sie herum Patronenhülsen fliegen und Federn aus zerschossenen Kissen regnen, entfaltet das eine handwerkliche Wucht, die heute im CGI-Einheitsbrei oft fehlt. Hier fliegen noch echte Kulissen spektakulär in die Luft, getragen von handgemachten Stunts ohne schützenden Greenscreen.

Dazu kommt der radikale Imagebruch von Kevin Costner. Er zertrümmert sein gängiges Hollywood-Saubermann-Image komplett und liefert als eiskalter, kettenrauchender Psychopath eine bedrohliche Performance ab. Seine unberechenbare Brutalität ist nicht lächerlich, sondern verpasst dem Film eine unerwartet düstere, dreckige Ernsthaftigkeit, die hervorragend mit Kurt Russells charismatischer Lässigkeit kontrastiert.

Warum das Chaos trotzdem zündet

Das Drehbuch stolpert von einem Klischee zum nächsten, während die Schnittgewitter die Logikbereitschaft herausfordern. Doch genau die tonale Zerrissenheit aus dem Editing-Streit zwischen Kurt Russell und Kevin Costner verleiht dem Film seine unvorhersehbare Energie. Wer alle Augen zudrückt, findet hier ein bemerkenswertes Kuriositätenkabinett der Popkultur.

Nirgendwo sonst balanciert das Kino so schmerzbefreit zwischen CGI-Sünden im Wüsten-Intro und einem Nu-Metal-Casinoraub ohne jeden Elvis-Klassiker. Die Logikverweigerung zieht sich durch alle Szenen: Ice-T fungiert kopfüber im Kugelregen als freiwillige Zielscheibe, Michael stiehlt mitten auf der FBI-Flucht seelenruhig ein Abendkleid und Murphy riskiert für ein falsches Wort über den King eine Vollbremsung auf dem Highway. Dass die Bande die geraubten Millionen am Ende bei einem windigen Antiquitätenhändler für einen lächerlichen Kurs von 70 Cent pro Dollar waschen will, setzt der taktischen Unfähigkeit der Figuren nur noch die Krone auf.

Vergessen wir die Logiklöcher: Sobald Russell und Costner das Visier hochklappen und ihre narzisstischen Psychospiele abziehen, gewinnt das Spektakel eine unaufhaltsame Dynamik. Man möchte in diesen Momenten am liebsten direkt auf der Rückbank des Cadillacs Platz nehmen, um dieses unberechenbare Duell im Wüstensand hautnah mitzuerleben.

Am Ende ist Crime is King ist das Dokument einer Epoche, in der Hollywood dachte, dass ein unruhiger MTV-Schnittrhythmus das komplette Fehlen eines Drehbuchs kompensieren könnten. Genau diese ungeschliffene Attitüde macht das Ganze heute zu einer perlenartigen B-Seite des Edel-Trashs. Wer das Actionkino am liebsten laut, dreckig, wunderbar bescheuert und voller absurder Stunts mag, findet hier das perfekte Menü für die späten Nachtstunden. Wer hingegen nach Sinn, Verstand oder physikalischen Gesetzen sucht, sollte lieber einen großen Bogen um Las Vegas machen.