Benicio del Toro

* 19. Februar 1967 in San Juan

Für seine Rolle des Javier Rodríguez in Steven Soderberghs Traffic – Macht des Kartells erhielt er im Jahr 2001 einen Oscar als bester Nebendarsteller sowie einen BAFTA Award, Golden Globe Award und Screen Actors Guild Award

Jeder kennt Die üblichen Verdächtigen, Traffic oder Sicario. Benicio del Toro ist die Definition von rauer, unterkühlter Leinwandpräsenz. Wenn er den Raum betritt, schwingt immer eine ungesagte, explosive Gefahr mit. Doch wer die wahre, schmerzhafte Intensität dieses Ausnahmeschauspielers erleben will, muss die Blockbuster-A-Seiten umdrehen. Abseits des Mainstreams verbirgt sich in seiner Filmografie ein zutiefst mutiger Charakterdarsteller, der sich völlig in seinen Rollen verliert. Wir haben die Nadel im Heuhaufen gesucht und präsentieren dir fünf Meisterwerke, die zu Unrecht unterm Radar liefen – an denen man aber perfekt sieht, was für ein genialer, furchtloser Gigant Benicio del Toro wirklich ist. Plattennadel drauf, wir drehen die Scheibe um.

Reptile I Grant Singer I 2023

Track 1: Fear and Loathing in Las Vegas (1998)

Ein psychedelischer, absolut irrer Horrortrip im Gewand einer satirischen Road-Comedy. Im Jahr 1971 jagen der exzentrische Journalist Raoul Duke (Johnny Depp) und sein völlig unberechenbarer, dauerberauschter Anwalt Dr. Gonzo (Benicio del Toro) im roten Cabrio durch die Wüste von Nevada, um im Auftrag eines Magazins über ein Motorradrennen in Las Vegas zu berichten. Was als harmloser Job beginnt, eskaliert durch den Konsum jeglicher verfügbarer Drogen zu einem surrealen, visuell bahnbrechenden Fiebertraum. Der Film von Kult-Regisseur Terry Gilliam floppte damals an den Kinokassen gnadenlos und spaltete die Gemüter komplett – heute ist er absoluter Kult unter Cineasten.

Cineastisches Spotlight: Für die Rolle des massiven, psychotischen Anwalts fraß sich del Toro innerhalb kürzester Zeit über 18 Kilogramm Fettmasse an. Er tauchte so tief in die Method-Acting-Vorbereitung ein, dass er sich am Set sogar echte Brandwunden mit Zigaretten zufügte, um den Schmerz der realen Vorlage nachzuempfinden. Seine manische Physis und sein wahnwitziges Nuscheln stehlen Johnny Depp in fast jeder Szene die Show. 

„Als dein Anwalt rate ich dir, mit Höchstgeschwindigkeit zu fahren. Es wird ein Wunder sein, wenn wir ankommen.“

-Dr. Gonzo

⏭️ Skip-Moment: Schalte sofort ab, wenn du eine geradlinige, logische Geschichte mit klaren Charakterentwicklungen erwartest. Dieser Film ist ein purer, anstrengender und visuell grotesker Drogenrausch ohne Atempause.

Track 2: 21 Gramm (2003)

Ein emotional markerschütterndes, non-lineares Drama über Verlust, Schuld und die mathematische Last der menschlichen Seele. Ein tragischer Autounfall reißt das Leben dreier völlig Fremder zusammen: eines todkranken Mathematikkprofessors (Sean Penn), einer trauernden Mutter (Naomi Watts) und eines streng religiösen Ex-Knackis (Benicio del Toro), der den Unfall verursacht hat. Regisseur Alejandro González Iñárritu zerhäckselt die Chronologie der Geschichte komplett und wirft den Zuschauer in ein emotionales Trümmerfeld. Der Film lief fast ausschließlich in Programmen für anspruchsvolles Arthouse-Kino und wird von der breiten Masse wegen seiner extrem deprimierenden Tonalität oft gemieden.

Cineastisches Spotlight: Del Toro bricht hier radikal mit seinem coolen Gangster-Image. Er spielt Jack Jordan als gebrochenen Mann, der krampfhaft versucht, seinen inneren Frieden in einem radikalen christlichen Glauben zu finden, und nach dem Unfall psychisch völlig implodiert. Seine Performance ist so roh, dreckig und zerrissen, dass man als Zuschauer den seelischen Schmerz in jeder Falte seines Gesichts spüren kann. Für dieses Meisterwerk gab es völlig zu Recht eine Oscar-Nominierung.

„Jesus hat mir diesen Truck gegeben. Und jetzt hat er ihn benutzt, um mir alles zu nehmen.“

-Jack Jordan

⏭️ Skip-Moment: Lass den Film links liegen, wenn du nach einem harten Arbeitstag nach Ablenkung oder Hoffnung sucht. 21 Gramm zieht dich ohne Kompromisse runter in ein tiefes, schmerzhaftes emotionales Loch.

Track 3: Che (Teil 1 & Teil 2, 2008)

Ein monumentales, vierstündiges und dokumentarisch anmutendes Epos über das Leben und Sterben des berüchtigtsten Revolutionärs der Geschichte. Regisseur Steven Soderbergh verzichtet in diesem vierteiligen Mammutprojekt komplett auf Hollywood-Kitsch oder dramatische Zuspitzungen. Er zeigt detailverliebt den harten, zähen Guerillakampf von Ernesto „Che“ Guevara im kubanischen Dschungel und seinen späteren, tragischen Versuch, die Revolution in Bolivien zu wiederholen. An den Kinokassen existierte dieses sperrige, komplett spanischsprachige Antikino im Grunde nicht – beim Festival in Cannes wurde del Toro dafür jedoch als bester Hauptdarsteller gefeiert.

Cineastisches Spotlight: Soderbergh nutzt eine extrem distanzierte, fast schon klinische Kameraarbeit. Del Toro verweigert sich jeglicher Helden-Glorifizierung: Er spielt Che Guevara nicht als charismatische Postkarten-Ikone, sondern als asthmakranken, disziplinierten Taktiker inmitten von Schlamm, Moskitos und politischer Isolation. Wie er die schleichende körperliche und mentale Erschöpfung im zweiten Teil transportiert, ist eine handwerkliche Masterclass in Sachen schauspielerischer Zurückhaltung.

„Eine Revolution ist kein Apfel, der fällt, wenn er reif ist. Man muss ihn zum Fallen bringen.“

-Che Guevara

⏭️ Skip-Moment: Tu dir diesen Zweiteiler nicht an, wenn du ein temporeiches, emotionales Action-Biopic suchst. Dies ist eine extrem langsame, fast schon trockene Lehrstunde in Sachen revolutionärer Militärtaktik.

Track 4: Way of the Gun (2000)

Ein tiefschwarzer, erstaunlich intelligenter und kompromissloser Neo-Noir-Thriller, der das Genre des Gangsterfilms komplett seziert. Zwei abgebrühte, moralisch völlig verkommene Kriminelle (Benicio del Toro und Ryan Phillippe) entführen eine schwangere Leihmutter, die das Kind eines schwerreichen, mit der Mafia verbandelten Mannes austrägt. Was wie ein schneller Coup aussieht, eskaliert in einem mörderischen Labyrinth aus Verrat, bei dem absolut niemand unschuldig ist. An den Kinokassen ging das Regiedebüt von Christopher McQuarrie (Die üblichen Verdächtigen, Mission: Impossible) völlig unter – unter Genrefans gilt der Film heute jedoch als absoluter Meilenstein.

Cineastisches Spotlight: Der Film bricht radikal mit dem Hollywood-Klischee von coolen Schießereien. McQuarrie legte extremen Wert auf realistische Taktik und authentischen Waffenumgang. Das Zusammenspiel zwischen del Toro und Phillippe funktioniert fast komplett ohne Worte – rein über Blicke und professionelle Zeichensprache. Del Toro spielt Parker mit einer so stoischen, eiskalten Effizienz, dass jede seiner Bewegungen pure, unprätentiöse Gefahr ausstrahlt.

„Ich glaube nicht, dass du ein schlechter Mensch bist. Du bist nur das, was passiert, wenn man keine Regeln hat.“

-Parker

⏭️ Skip-Moment: Meide diesen Track, wenn du sympathische Identifikationsfiguren oder ein klassisches Gut-gegen-Böse-Szenario brauchst. Hier jagen sich ausschließlich Soziopathen gegenseitig in die Luft.

Track 5: Reptile (2023)

Ein unterkühlter, extrem atmosphärischer und hypnotisch langsamer Kriminal-Thriller im Stil von Zodiac. Nach dem brutalen Mord an einer jungen Immobilienmaklerin übernimmt der abgeklärte Detective Tom Nichols (Benicio del Toro) den Fall. Je tiefer er in das Umfeld des Opfers und die glitzernde Welt der Luxusimmobilien eintaucht, desto mehr stößt er auf ein Sumpfgebiet aus Korruption, das bis in die eigenen Reihen der Polizei reicht. Der Film wurde im Streaming oft als „klassischer Ermittler-Krimi“ abgetan, entfaltet bei genauerem Hinsehen jedoch einen unheimlich dichten, cineastischen Sog.

Cineastisches Spotlight: Del Toro war hier nicht nur Hauptdarsteller, sondern schrieb auch aktiv am Drehbuch mit. Er verweigert dem Zuschauer den klassischen Action-Cop: Tom Nichols ist ein Mann im Spätherbst seiner Karriere, gezeichnet vom Leben, der versucht, seine eigene moralische Integrität zu retten. Achte auf das Sounddesign und die langen Kameraeinstellungen: Das Grauen und das Misstrauen kriechen ganz leise über del Toros minimale Mimik und sein markerschütterndes Schweigen direkt in den Zuschauer hinein.

„Es gibt Dinge, die man erst sieht, wenn das Licht von der falschen Seite kommt.“ 

-Tom Nichols

Welcher dieser fünf Del-Toro-Tracks läuft auf deinem heimischen Plattenteller am häufigsten? Haben wir eine unentdeckte Perle des stoischen Ausnahmekünstlers vergessen? Hätte sein exzentrischer Auftritt in Inherent Vice – Natürliche Mängel oder das frühe Drama Basquiat zwingend mit auf die Rückseite der Platte gemusst? Schreib es uns unten in die Kommentare und diskutiere mit uns auf BSeiten Filmkritik!