Denzel Washington

* 28. Dezember 1954 in Mount Vernon, New York

Zweifacher Oscarpreisträger und der zweite afroamerikanische Schauspieler nach Sidney Poitier, der für eine Hauptrolle mit diesem Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Jeder kennt Training Day, The Equalizer oder Malcolm X. Denzel Washington ist das personifizierte Hollywood-Charisma. Wenn er den Raum betritt, gehört ihm die Leinwand. Doch wer die wahre schauspielerische Tiefe dieses Mannes entdecken will, muss die Blockbuster-A-Seiten umdrehen. Abseits seiner unbesiegbaren Action-Helden und makellosen Anführer-Rollen verbergen sich in seiner jahrzehntelangen Karriere ein paar echte charakterliche Kontrapunkte, vergessene Glanzleistungen und mutige Meisterwerke, bei denen das Marketing dem Publikum oft ein völlig falsches Bild verkauft hat. Wir haben die Nadel im Heuhaufen gesucht und präsentieren dir fünf Meisterwerke, die unterm Radar liefen – an denen man aber perfekt sieht, was für ein genialer Charakterdarsteller in diesem Megastar steckt. Plattennadel drauf, wir drehen die Scheibe um.

Roman J. Israel, Esq. I Dan Gilroy I 2018

Track 1: Inside Man (2006)

Das wahrscheinlich cleverste, eleganteste und am besten inszenierte Bankraub-Meisterwerk des aktuellen Jahrtausends. Ein perfekt organisierter Trupp von Räubern besetzt eine New Yorker Großbank und nimmt Geiseln. Detective Keith Frazier (Denzel Washington) soll die Verhandlungen leiten, merkt aber schnell, dass der geniale Kopf der Bande (Clive Owen) ihm immer zwei Schritte voraus ist – und es bei dem Raub um viel mehr als nur um schnelles Geld geht. Im riesigen, oft hochpolitischen Werk von Kult-Regisseur Spike Lee wird dieser Film von Kritikern fälschlicherweise oft als reiner, unpersönlicher „Auftrags-Thriller“ abgetan. Dabei ist er ein inszenatorischer Geniestreich von absolut zeitloser Qualität.

Cineastisches Spotlight: Spike Lee und sein Kameramann Matthew Libatique nutzen hier extrem dynamische Linseneffekte und unkonventionelle Farbsättigungen während der Verhörszenen, die geschickt vor und nach dem eigentlichen Raub hin- und herspringen. Frazier wird dabei nicht als genialer Super-Cop inszeniert, sondern als fehlerbarer, korruptionsgefährdeter Ermittler unter enormem Druck. Washingtons Kunst liegt hier in der verbalen Flexibilität: Wie er mit Witz, Ironie und New Yorker Straßen-Charme versucht, die Geiselnehmer zu durchschauen, ist Schauspiel-Rhythmus in Perfektion.

„Ich bin kein Dieb. Ich nehme mir nur das, was ohnehin den Falschen gehört.“

-Keith Frazier

⏭️ Skip-Moment: Überspringe diesen Track, wenn du einen bleihaltigen, Testosteron-geladenen Action-Thriller wie Heat erwartest. Dieser Bankraub wird nicht mit Sturmgewehren gelöst, sondern ist ein hochintelligentes, psychologisches Schachspiel

Track 2: American Gangster (2007)

Ein monumentales, eiskaltes Kriminal-Epos über den Aufstieg des Drogenbarons Frank Lucas im New York der 1970er-Jahre. Ridley Scotts Meisterwerk war an den Kinokassen ein gigantischer Hit und ist für die breite Masse eigentlich die absolute A-Seite. Doch schauspielerisch ist Washingtons Leistung die pure, geniale B-Seite eines typischen Kino-Gangsters. Anstatt die Rolle laut, extrovertiert und psychopathisch anzulegen (wie etwa Al Pacino in Scarface), spielt Washington den brutalen Drogenkönig als herrlich biederen, extrem disziplinierten und gesitteten Großkonzern-Chef im feinen Anzug. Er hasst auffällige Kleidung, flucht kaum und predigt seiner Familie ununterbrochen moralische Werte. Genau diese eiskalte Business-Mentalität macht seine Performance so unheimlich: Wenn dieser nette Gentleman mitten auf einer belebten Straße völlig emotionslos einem Konkurrenten in den Kopf schießt und sich danach seelenruhig wieder zum Frühstück setzt, gefriert dem Zuschauer das Blut in den Adern.

Cineastisches Spotlight: Ridley Scott inszeniert die Kontraste in diesem Film meisterhaft durch das Kostümdesign. Als Frank Lucas einmalig die Beherrschung verliert und im Protz-Mantel aus Chinchilla-Pelz bei einem Boxkampf auftaucht, besiegelt er damit unbewusst seinen Untergang. Washington spielt diesen seltenen Moment des modischen Kontrollverlusts mit einer subtilen, wachsenden Nervosität, die das nahende Ende perfekt ankündigt.

„Der lauteste Mann im Raum ist auch der schwächste.“

-Frank Lucas

⏭️ Skip-Moment: Lass den Film links liegen, wenn du ein actiongeladenes, glorifizierendes Gangster-Abenteuer suchst – hier regiert das nüchterne, unbarmherzige Porträt des kriminellen Kapitalismus.

Track 3: The Book of Eli (2010)

Ein bildgewaltiger, postapokalyptischer Neowestern, der unter der staubigen Action-Oberfläche ein radikales Plädoyer für den Glauben versteckt. Dreißig Jahre nach einer nuklearen Katastrophe wandert der einsame Krieger Eli durch das zerstörte Amerika, um ein geheimnisvolles Buch nach Westen zu bringen. Er gerät ins Visier eines brutalen Warlords (Gary Oldman), der die Macht der Worte für seine Tyrannei missbrauchen will. Das Marketing verkaufte den Film damals als reinen, bleihaltigen Endzeit-Actionkracher im Stil von Mad Max. Doch unter der rauen Schale verbirgt sich ein zutiefst philosophischer Film über das Überleben von Kultur, Ethik und Geist in einer völlig barbarischen Welt.

Cineastisches Spotlight: Denzel Washington bereitete sich monatelang mit Kampfsport-Legenden vor, um die brutalen, blitzschnellen Nahkämpfe komplett ohne Stuntdouble und vor allem ohne hektische CGI-Schnitte im Fluss einer einzigen Kameraeinstellung zu performen. Diese physische Erdung verleiht seiner Figur eine unheimliche, fast schon biblische Gravitas.

„Ich wandere durch den Glauben, nicht durch das Sehen.“

-Eli

⏭️ Skip-Moment: Meide diesen Film, wenn du ein klassisches, optimistisches Science-Fiction-Abenteuer suchst. Die staubige, farbentsättigte Tristesse und die religiöse Symbolik spalten das Publikum bis heute.

Track 4: Flight (2012)

Ein erschütterndes, psychologisches Charakterdrama über die zerstörerische Kraft der Sucht, getarnt als spektakulärer Katastrophenfilm. Dem Piloten Whip Whitaker gelingt bei einem plötzlichen Systemausfall ein waghalsiges, absolut unmögliches Notlandemanöver, wodurch er fast alle Passagiere an Bord rettet. Er wird als Nationalheld gefeiert – bis die Blutwerte der Untersuchung zeigen, dass Whip während des Flugs hochgradig alkoholisiert und kokainsüchtig war. Auch hier lockte der Trailer mit einem 100-Millionen-Dollar-Flugszenario, doch Regisseur Robert Zemeckis nutzt die spektakuläre Einleitung nur als Aufhänger für das intime, bittere Porträt eines Mannes im freien moralischen Fall.

Cineastisches Spotlight: Achte auf die ersten zwanzig Minuten des Absturzes. Das unfassbare Sounddesign und die Kameraarbeit simulieren den blanken Horror im Cockpit. Washington nutzt diesen handwerklichen Terror genial aus: Seine Figur agiert in der Krise absolut fehlerfrei und hochprofessionell, während der Zuschauer zeitgleich weiß, dass dieser Mann innerlich komplett verrottet ist. Für dieses grandiose Minenspiel gab es völlig zurecht eine Oscar-Nominierung.

„Niemand hätte dieses Flugzeug so fliegen können wie ich.“

-Whip Whitaker

⏭️ Skip-Moment: Schalte nach dem fulminanten ersten Akt ab, wenn du einen reinen Katastrophen-Thriller oder ein heroisches Justizdrama erwartest. Der Film ist ein schmerzhaft ehrliches, oft deprimierendes Alkoholiker-Drama.

Track 5: Roman J. Israel, Esq. (2017)

Eine tragikomische, zutiefst berührende Charakterstudie über ein idealistisches Genie, das komplett aus der Zeit gefallen ist. Roman J. Israel ist ein genialer, autistischer Anwalt im Los Angeles der Gegenwart, der sein ganzes Leben dem Bürgerrecht gewidmet hat, aber immer nur im verborgenen Hintergrund arbeitete. Als sein Partner stirbt, muss Roman plötzlich an die vorderste Front der brutalen Gerichtswelt und gerät in eine moralische Abwärtsspirale. Der Film ging im Mainstream völlig unter und spaltete die Kritiker, weil die Story dramaturgisch manchmal unrund wirkt. Aber Washingtons schauspielerisches Risiko ist hier gigantisch.

Cineastisches Spotlight: Washington legte für diese Rolle jede Spur von Coolness ab. Er nahm massiv an Gewicht zu, ließ sich einen unvorteilhaften Afro wachsen und passte sein Gebiss an. Achte auf seine nervöse Körpersprache: Wie er permanent an seiner riesigen 70er-Jahre-Brille fummelt und den Blickkontakt meidet, zeigt meisterhaft die soziale Überforderung seiner Figur. Für diese mutige Performance wurde er völlig zu Recht für den Oscar nominiert.

„Ich habe das Gesetz immer als etwas Höheres betrachtet. Aber es ist nur ein Geschäft.“

- Roman J. Israel

⏭️ Skip-Moment: Lass den Film links liegen, wenn du ein klassisches, mitreißendes Gerichts-Drama im Stil von Die Akte oder Philadelphia suchst. Dies ist das Porträt eines einsamen, verschrobenen Mannes, kein straffer Justiz-Thriller

Welcher dieser fünf Denzel-Tracks läuft auf deinem heimischen Plattenteller am häufigsten? Haben wir eine unentdeckte Perle des Washington-Universums vergessen? Hätte der psychopathische Ausreißer Virtuosity oder Spike Lees He Got Game mit auf die Rückseite der Platte gemusst? Schreib es uns unten in die Kommentare und diskutiere mit uns auf BSeiten Filmkritik!