
Mr. BROOKS – DER MÖRDER IN DIR
Im Kern ist der neue film von B. A. Evans das Psychogramm einer gespaltenen Seele .- eingebettet in eine Kriminalhandlung, die sich auf mehrere unzusammen-hängende Nebenstränge aufteilt.
A. Evans I USA 2007 I FSK 16 I 121 Min.
Sagen wir es, wie es ist: Mr. Brooks ist als Film eigentlich eine mittelschwere Katastrophe. Wenn du hier mit der Lupe der Logik herangehst, brennt dieses Drehbuch im Sekundentakt lichterloh ab. Du kriegst hanebüchene Zufälle serviert, Fremdscham-Action im Billig-Look und eine Demi Moore, die völlig planlos durch die Handlung stolpert. Aber warum weigert sich dein Gehirn dann so verdammt standhaft, bei diesem Streifen wegzuschalten? Warum sitzt du zwei Stunden lang mit einer Schüssel Popcorn da, schüttelst fassungslos den Kopf und hast dabei das fetteste Grinsen im Gesicht?
Die Antwort ist simpel: Wegen dem absolut genialen Duo an der Spitze. Was auf den Nebenschauplätzen wie ein erzählerischer Totalschaden wirkt, wird im Kern von einer brutalen schauspielerischen Wucht zusammengehalten. Kevin Costner und William Hurt wuchten hier eine Chemie auf die Leinwand, die so absurd gut und morbide ist, dass sie das umgebende Trümmerfeld im Alleingang wegzaubert. Hinter der missratenen Hollywood-Fassade verbirgt sich nämlich kein stumpfer 08/15-Thriller, sondern ein radikales psychologisches Experiment: Was passiert, wenn du deinen inneren Dämon nicht mehr im Kopf versteckst, sondern als realen, hämisch grinsenden Partner mit an den Küchentisch setzt, um beim Sonntagskaffee ganz entspannt über das perfekte Verbrechen zu philosophieren?
Das Genie und der cineastische Totalschaden
Genau diese bizarre Kumpel Dynamik entfaltet eine Sogwirkung, der du dich einfach nicht entziehen kannst. Um zu verstehen, wie die beiden das schaffen und warum selbst ein banales Kreuzworträtsel in diesem Film für pure Gänsehaut sorgt, hilft ein Blick auf die Prämisse: Earl Brooks (Kevin Costner) führt eine absolut makellose Existenz. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, frisch gebackener „Unternehmer des Jahres“, ein spendabler Philanthrop und ein liebender Familienvater. Doch hinter dieser bürgerlichen Fassade klafft ein tiefer, mörderischer Abgrund. Seit Jahren führt Earl ein geheimes Doppelleben als der berüchtigte „Fingerabdruck-Killer“. Getrieben von einer unkontrollierbaren inneren Zerrissenheit versucht er verzweifelt, clean zu bleiben. Und wie macht man das in Hollywood? Man geht zu den Anonymen Alkoholikern und zweckentfremdet das 12-Schritte-Programm, um die Sucht nach Blut mit schlechtem Filterkaffee und dem Gelassenheitsgebet zu betäuben. Doch sein dunkles, externalisiertes Ego Marshall (William Hurt) weicht ihm nicht von der Seite und flüstert ihm unablässig neue Taten ins Ohr. Als Earl schließlich rückfällig wird, unterläuft dem sonst so methodischen Genie ein fataler Fehler: Er wird beobachtet. Ein mysteriöser Zeuge taucht auf – und plötzlich steht Earls gesamte bürgerliche Existenz auf dem Spiel.
Betrachtest man die Story nüchtern, leidet der Film unter einer fast schon schmerzhaften, hyper-konstruierten Logik. Die eklatanten Schwächen des Drehbuchs fallen dir permanent ins Auge, weil sie immer wieder störend in den Vordergrund treten, sobald das Haupt-Duo mal gerade nicht auf Sendung ist. Der gesamte Rest des Films abseits der Kernfiguren ist erzählerischer Ballast, der sich permanent in erzählerischen Sackgassen verrennt, die eigentlich starke Grundidee ausbremst und im Grunde komplett austauschbar bleibt. Die absolute Krönung dieser Drehbuch-Willkür ist die Figur des besagten Zeugen, Mr. Smith (Dane Cook). Dieser lüsterne Voyeur erwischt Earl zufällig und fordert statt Lösegeld ein kriminelles „Mörder-Praktikum“. Wie hoch ist bitte die Wahrscheinlichkeit, dass ein meisterhafter Serienkiller ausgerechnet von einem psychopathischen Nachwuchs-Täter beobachtet wird, der mal spüren will, wie sich das anfühlt? Das Drehbuch verliert sich hier in einem massiven tonalen Bruch: Während der psychologische Kern finster bleibt, driftet der Plot um den Erpresser durch dessen tollpatschige, hysterische Art immer wieder in eine deplatzierte Slapstick-Richtung ab, die der Bedrohung jegliches Gewicht nimmt.
» Der gesamte Rest des Films abseits der Kernfiguren ist erzählerischer Ballast, der die eigentlich starke Grundidee permanent ausbremst. «
Gleichzeitig verkommt Earls Ehefrau Emma zur absoluten Bedeutungslosigkeit. Marge Helgenberger wird hier vom Skript komplett im Stich gelassen; sie fungiert als reine, blasse Requisite. Dreimal darf sie besorgt aus der Wäsche gucken, entwickelt aber keinerlei gesundes Misstrauen gegenüber den nächtlichen Aktivitäten ihres Mannes. Das beschädigt den Film massiv: Wenn die Ehefrau ohnehin blind durchs Leben läuft, verliert Earls mörderischer Drahtseilakt jegliche Fallhöhe. Die inszenatorische Glaubwürdigkeit bricht vollends zusammen, sobald das Skript versucht, einen konventionellen Action-Thriller zu bedienen. Der völlig überladene Sub Plot um Demi Moores Detektivin Atwood – die nebenbei auch noch eine hanebüchene Schlammschlacht-Scheidung durchmacht – gipfelt in einer handwerklich missratenen Tunnel-Schießerei. Auf engste Distanz werden hier deutlich mehr Patronen im Stroboskop-Licht abgefeuert, als du noch glaubhaft durchwinken kannst, ohne dass irgendjemand trifft – ein visuell chaotisches Action-Versatzstück, das den Film für billige TV-Optik unterbricht und dessen Ausgang letztlich völlig unbefriedigend im Sande verläuft.
Und wenn wir schon bei absurden Zufällen sind: Das Drehbuch will uns ernsthaft verkaufen, dass die Tochter Jane urplötzlich denselben spezifischen, rituellen Mördertrieb erbt. Das ist kein psychologisches Erbe, das ist biologischer Schwachsinn auf Knopfdruck. Ein fauler erzählerischer Trick, der nur als Katalysator dient, um Brooks künstlich in ein moralisches Dilemma zu stürzen. Diese inhaltlichen Mängel spiegeln sich in einer visuellen Inkonsistenz wider: Neben den eleganten, düsteren Szenen in Brooks' Atelier wirken die Straßenszenen handwerklich wie aus einem völlig anderen, weitaus billigeren Film importiert. Zudem verlässt die Regie im letzten Drittel der Mut und flüchtet sich in ein typisches Hollywood-Ende, das die zuvor aufgebauten Konflikte viel zu leichtfertig fallen lässt.
Sonntagsfrühstück mit dem eigenen Dämon
Sobald der Film aber zu seinem stärksten Element zurückkehrt – der faszinierenden, zutiefst morbiden Symbiose zwischen Kevin Costner und William Hurt –, entfaltet er wieder diese enorme Sogwirkung. Es macht einfach unglaublich viel Freude zuzuschauen, was die beiden wieder im Schilde führen, wie sie sich die Bälle zuspielen und wie sie gemeinsam hämisch lachen. Anstatt auf billige Voice-over-Stimmen aus dem Off zu setzen, personifiziert die Regie Earls inneren Trieb als reale Person. William Hurt spielt Marshall – die Manifestation von Brooks' dunkler Seite. Marshall chillt auf der Rückbank des Autos, er lehnt grinsend am Schreibtisch, er flüstert Earl die sadistischen Gedanken ins Ohr. Was die beiden hier abliefern, ist hochkonzentriertes Schauspielkino. Es ist eine bizarre, hochgradig faszinierende Kumpel Dynamik zwischen zwei intellektuellen Hälften derselben Seele. Sie philosophieren über das perfekte Verbrechen, als würden sie gemütlich eine Partie Schach diskutieren.
Das wird in den Szenen deutlich, in denen die Regie diese außergewöhnliche Dreier-Konstellation mit der Außenwelt auf die Spitze treibt. Wenn Earl gezwungen ist, mit seinem nervösen Amateur-Erpresser Smith im Auto auf die Pirsch zu gehen, fängt die Kamera die beiden vorne ein – doch im Hintergrund lümmelt sich Hurt lässig auf die Rückbank. Während Smith nervös schwitzt und sich für den nächsten großen Kriminellen hält, führen Earl und sein Dämon im Flüsterton eine messerscharfe Analyse über diesen Jungen durch. Marshall lugt über Earls Schulter, setzt hämische Kommentare ab und Smith wird wie ein lästiges Insekt abserviert. Es ist eine dreidimensionale Dialog-Dynamik, die dich zum Mitwisser eines exklusiven Geheimnisses macht. Die absolute Krönung dieser Symbiose ist jedoch die Szene, in der die beiden zusammen ein Kreuzworträtsel lösen. Marshall ist keine kreischende Fratze im Spiegel; er leitet Earls Stift, wirft ihm die Begriffe zu wie ein eingespieltes, altes Ehepaar beim Sonntagsfrühstück. Und wenn sie dann über die makabre Absurdität der eigenen Existenz stolpern und plötzlich im Gleichklang loslachen, läuft es dir eiskalt den Rücken runter. Dieses gemeinsame, morbide Lachen und diese spießbürgerliche Vertrautheit des Bösen lassen deinen eigenen moralischen Kompass wie eine kaputte Kompassnadel ausschlagen. Costner spielt Earl mit einer stoischen, zutiefst erschreckenden Ruhe als logischen Verstand, während Hurt mit diebischer, fast kindlicher Freude das absolute Chaos sät.
Selbstcoaching ohne soziale Masken
Wenn du das Morden an dieser Stelle mal komplett beiseiteschiebst, bleibt ein verblüffendes Gedankenexperiment übrig: Was wäre, wenn wir unsere innere Stimme wirklich als echten Menschen physisch vor uns auf einen Stuhl setzen könnten? Im realen Leben wäre so ein zweites Ich der perfekte Sparringspartner für ein radikales Selbstcoaching. Du hättest ein Gegenüber an der Seite, dass dich in- und auswendig kennt und mit dem du jede schwere Entscheidung oder Lebenskrise ohne soziale Masken durchsprechen kannst. Es wäre das ideale Entlastungsventil für all den alltäglichen Druck: Dein normales Ich funktioniert pflichtbewusst im Job, während dieses externalisierte Ich den unterdrückten Stress oder die Sorgen einfach laut ausspricht. Das gemeinsame Kreuzworträtsel im Film zeigt diese Dynamik in einer starken Metapher. Wenn zwei Hälften desselben Gehirns völlig barrierefrei und synchron zusammenarbeiten, entsteht ein perfekter Arbeitsfluss.
» Die wahre Tragödie der Geschichte liegt darin, dass ein evolutionär so mächtiges, heilsames Werkzeug der menschlichen Psyche für das absolut Falsche instrumentalisiert wird. «
Als Thriller ein Totalschaden – als Kumpel film sehenswert
Mr. Brooks ist als eigenständiger Kriminalfilm schlichtweg misslungen. Die Logiklöcher sind riesig, die Nebenstränge überladen und die Action handwerklich schwach. Sobald die Kamera das Atelier verlässt, bricht das Drehbuch zusammen. Aber ganz ehrlich? Setz deinen inneren Kritiker für zwei Stunden auf die Rückbank des Autos und lass ihn einfach hämisch über die Fehler feixen. Allein für die grandiose, morbide Chemie zwischen Kevin Costner und William Hurt lohnt sich dieser Streifen nämlich absolut. Wie ein eingespieltes, altes Ehepaar beim Sonntagsfrühstück ziehen die beiden den Karren so elegant aus dem Dreck, dass du dem Film seine Sünden fast schon wieder verzeihst. Keine Filmkunst, aber eine hervorragende Gelegenheit, um gemeinsam mit deinem eigenen Dämon bei einer Schüssel Popcorn zu lachen.