
Sitzenbleiben für die Resterampe: Wie Marvel uns das Ende des Kinos austrainiert hat
Es gibt eine neue, unheimliche Seuche in den Kinosälen dieser Welt. Sie bricht verlässlich in den letzten fünf Minuten eines jeden Films aus.
Sobald der Hauptfilm endet, das Bild schwarz wird und die ersten weißen Namen über die Leinwand rollen, passiert etwas Bizarres: Niemand steht auf. Säle voller erwachsener Menschen verharren in lähmender Schockstarre. Sie starren minutenlang auf die Namen von Assistenten, Visual-Effects-Koordinatoren und Catering-Teams, als stünde dort das vierte Geheimnis von Fátima geschrieben.
Der Grund für diese kollektive Verhaltungstherapie? Ein Konditionierungsexperiment, das selbst Iwan Pawlow vor Neid erblassen lassen würde. Sein Name: Marvel Studios.
„Aus der netten Überraschung von damals ist ein neurotischer Zwang geworden.“
Als der Blick nach vorne noch Charme hatte
Man muss fair bleiben: Die Idee, nach dem eigentlichen Film noch ein Lebenszeichen abzugeben, ist kein Erzeugnis der Marvel-Fabrik. Schon 1963 flimmerte am Ende von Liebesgrüße aus Moskau der ikonische Schriftzug „James Bond Will Return in Goldfinger“ über die Leinwand. Das war kein billiger Teaser-Cliffhanger, sondern ein edles Versprechen. Es war das analoge Siegel einer Serie, die dem Publikum zurief: „Keine Sorge, das Abenteuer geht weiter.“
Später, in den 80ern und 90ern, nutzten Regisseure die Szene nach dem Abspann als charmantes Augenzwinkern. Unvergessen, wie Matthew Broderick 1986 am Ende von Ferris macht blau im Bademantel vor die Kamera trat und ein verblüfftes Publikum fragte: „Ihr seid immer noch hier? Der Film ist vorbei. Go home!“ Das war witzig. Es war eine Belohnung für die paar Verrückten, die im Saal geblieben waren. Es war ein Geschenk, keine Erwartungshaltung.
Der Abspann als Geiselhaft
Doch dann kam Kevin Feige. Als Nick Fury 2008 nach dem Abspann von Iron Man aus dem Schatten trat, um Tony Stark von der „Avengers-Initiative“ zu erzählen, war das ein genialer Marketing-Coup. Es war der feine Unterschied zwischen einem einfachen Film und einem popkulturellen Universum.
Fast zwei Jahrzehnte später ist aus der netten Überraschung von damals jedoch ein neurotischer Zwang geworden. Marvel hat dem Kinopublikum erfolgreich eingeredet, dass ein Film nicht dann zu Ende ist, wenn die Geschichte erzählt wurde – sondern erst dann, wenn das Studio uns die nächste Verkaufsanzeige vor den Latz knallt.
Dabei vergaß das Studio eine fundamentale Regel. Es hat den Bogen nicht nur überspannt, es hat die Sehne zerrissen. Nach Flop-Wellen, halbgaren Serien im Fließbandtakt und einer visuellen Ermüdung, die selbst den treuesten Comic-Fan am Verstand zweifeln lässt, pfeift das einst unbesiegbare MCU aus dem letzten Loch. Das Universum liegt in Trümmern, aber der Zwang zum Sitzenbleiben ist geblieben wie ein Phantomschmerz. Der moderne Kinogänger leidet weiterhin an chronischer Post-Credit-FOMO (Fear Of Missing Out). Wer aufsteht, bevor das Saallicht angeht, gilt in manchen Communities als kultureltreuer Analphabet. Also verharren wir brav. Wir trinken die geschmolzenen Eiswürfel aus unseren Cola-Bechern, ersticken an den letzten verbrannten Popcorn-Körnern und warten auf die Erleuchtung.
Wenn die Belohnung zur Beleidigung wird
Das Verheerende daran: Marvel selbst hat diese Währung längst entwertet.
Früher gab es in den Szenen nach dem Abspann echte Kicks: Thanos, der sich den Infinity Gauntlet überstreift! Die Einführung neuer Schlüssel-Charaktere! Heute dagegen? Es wird in stundenlangen Videoessays über die Trümmer des MCU gerätselt, während das Studio uns im Kino mit Szenen abspeist, die an Dreistigkeit kaum zu überbieten sind.
„Wir sitzen zehn Minuten im Dunkeln für einen Werbespot eines Films, der vielleicht in vier Jahren erscheint.“
Erinnert sich noch jemand an Doctor Strange in the Multiverse of Madness? Wer dort bis ganz zum Schluss im Saal verweilte, bekam Bruce Campbell zu sehen, der aufhört sich selbst zu schlagen und spöttisch in die Kamera ruft: „Es ist vorbei!“
Das war kein liebevolles Zitat von Ferris Bueller. Das war der visuelle Mittelfinger von Sam Raimi an ein Publikum, das sich zwei Stunden Langeweile antut, nur um für dumm verkauft zu werden. Oder nehmen wir Eternals: Harry Styles taucht als „Eros“ auf, blickt cool in die Kamera – und verschwindet auf Nimmerwiedersehen in einem Franchise-Mausoleum, das vermutlich nie wieder geöffnet wird.
Wir sitzen 10 Minuten im Dunkeln für einen Werbespot eines Films, der vielleicht in vier Jahren erscheint (oder vorher gecancelt wird). Das ist nicht mehr Entertainment, das ist das filmische Äquivalent zum Warten in der Telefon-Hotline der Deutschen Bahn.
Eternals I Chloé Zhao I 2021
Philosophischer Totalschaden: Warum wir den Sinn von Enden verlernen
Um das Ausmaß dieser Katastrophe zu begreifen, lohnt sich ein Blick zu Aristoteles. In seiner Poetik definierte er das Wesen des Dramas: Eine Geschichte braucht einen Anfang, eine Mitte – und ein Ende, das eine poetische Geschlossenheit erzeugt. Zweck der Kunst war nach Aristoteles die Katharsis – die Reinigung der Seele durch das Erleben einer vollendeten Handlung.
Marvel hat diese Grundregel der Erzählkunst eigenhändig exekutiert.
Durch dieses schleichende „Franchise-Infarkt-Syndrom“ wird der Spielfilm zur überdimensionierten TV-Episode degradiert. Wenn jeder Ausgangspunkt nur der Übergang zum nächsten Plot-Point einer unendlichen Corporate-Pipeline ist, gibt es keine Katharsis mehr. Der Film wird entwertet zum zweistündigen Zwischenstopp. Das Prinzip „Fließband statt Finale“ untergräbt das Bedürfnis des Menschen nach Sinnstiftung. Wir verlernen, einen Moment der Stille auszuhalten, weil wir panische Angst davor haben, nicht mehr auf dem neuesten Stand des Franchise-Kalenders zu sein.
„Wir haben verlernt, ein Ende auszuhalten. Wir verwechseln emotionale Tiefe mit einem Cameo-Auftritt.“
Das Virus greift um sich: Der Kollateralschaden fürs Autorenkino
Das eigentliche Drama an der Geschichte ist aber nicht Marvel selbst – Marvel war schon immer ein Freizeitpark-Betreiber mit Popcorn-Aroma. Das Problem ist, dass das Virus das gesamte Kino infiziert hat.
Die Erwartungshaltung hat das Publikum komplett ruiniert. Das Absurde daran: Zu Hause auf der Couch drücken wir bei Netflix oder Prime Video bereits nach drei Sekunden genervt auf „Abspann überspringen“. Doch im Kino unterwerfen wir uns freiwillig dieser Konditionierung.
Fachpresse und Filmkritik thematisieren seit Jahren den Wandel des Sehverhaltens – aber die Realität im Saal ist schmerzhaft: Zuschauer bleiben mittlerweile bei jedem Film sitzen. Sie sitzen bei historischen Dramen. Sie sitzen bei Arthouse-Horror. Sie saßen wahrscheinlich selbst bei Oppenheimer da und hofften, dass nach dem Abspann Nick Fury vorbeikommt, um Cillian Murphy für die „Atomic Avengers“ zu rekrutieren.
The Zone of Interest I Jonathan Glazer I 2024
Dabei zeigt das moderne Autorenkino – von Past Lives über The Zone of Interest bis hin zu Dune –, wie mächtig eine Stille sein kann, wenn der Vorhang fällt. Eine Post-Credit-Szene in solchen Filmen wäre regelrechter Vandalismus an der Wirkung der Kunst. Ein echtes Meisterwerk braucht keinen Nachtrag. Es steht für sich selbst.
Wenn ein Film heute einfach nur aufhört – mit einem starken, nachhallenden Bild, das zum Nachdenken anregen soll –, spürt man im Saal dennoch oft eine kollektive Enttäuschung. „Wie, das war’s jetzt? Keine Szene mehr?“
Der Abspann war früher der Moment, in dem Kunst sacken durfte. Es war der Raum für Respekt gegenüber den tausenden Künstlern und Handwerkern, die Jahre ihres Lebens in das Projekt gesteckt haben. Heute ist dieser Raum verkommen zu einer lästigen Warteschlange vor der Wundertüte.
Zeit für den Aufstand im Kinosaal
Es wird Zeit, dass wir uns das Filmende zurückholen.
Ein Appell an alle Cineasten, B-Seiten-Liebhaber und Gelegenheitsknusperer: Wenn das nächste Mal der Abspann läuft und der Hauptkonflikt gelöst ist – steht einfach auf.
Ignoriert die Blicke der Marvel-Jünger in der hintersten Reihe, die euch anstarren, als hättet ihr gerade den Papst beleidigt. Geht nach Hause, redet über das, was ihr in den letzten zwei Stunden tatsächlich gesehen habt, anstatt darüber zu spekulieren, welcher zweitklassige Comic-Bösewicht in Phase 7 einen Drei-Sekunden-Auftritt haben könnte.
Sollte danach wirklich noch eine weltverändernde Szene kommen? Scheiß drauf. Youtube hat sie fünf Minuten später ohnehin in 4K hochgeladen.