The Gambler

Was bleibt, wenn nichts mehr auf dem Spiel steht?

 


R. Wyatt I USA 2014 I FSK 12 I 111 MIn.

The Gambler gilt allgemein nicht als Meisterwerk, er fällt in der Vita von Mark Wahlberg nicht einmal besonders auf, ihn kennen wahrscheinlich sogar die wenigsten – und trotzdem ist es ein Film, der mich einfach nicht loslässt. Warum fasziniert mich eine Figur, die sehenden Auges das eigene Leben gegen die Wand fährt? Es ist eine Spurensuche zwischen Glücksspiel, Albert Camus, Pulp Fiction und der quälenden Flucht vor der eigenen Freiheit.

 

Der bewusste Sturz in den Abgrund

Im Kern dreht sich die Geschichte um ein radikales Ultimatum: Jim Bennett (Mark Wahlberg) hat genau sieben Tage Zeit, um eine gigantische Spielschuld von einer Viertelmillion Dollar zu begleichen. Er steckt tief in der Klemme zwischen dem illegalen Casino-Besitzer Mister Lee (Alvin Ing), dem brutalen Kredithai Neville Baraka (Michael Kenneth Williams) und dem mächtigen Gangsterboss Frank (John Goodman). Doch statt des Geldes seiner wohlhabenden Mutter Roberta (Jessica Lange) zu nutzen, um sich zu retten, wettet Jim lieber weiter alles auf eine Karte und treibt das gefährliche Spiel auf die absolute Spitze.

Mark Wahlberg passt erstaunlich gut in diese Rolle. Er liefert hier keine emotionale Tour de Force ab, sondern verleiht seiner Filmfigur Bennett eine kontrollierte, fast arrogante Ruhe. Er wirkt nicht wie ein klassischer Junkie, der seine Spielsucht einfach nicht unter Kontrolle hat. Dafür agiert er viel zu bewusst. Er weiß genau, was er tut und was die Konsequenzen sind – und macht immer weiter. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass er gar nicht gewinnen will. Er sucht nicht das Geld, sondern das Risiko; den Moment, in dem alles auf dem Spiel steht. Würde er gewinnen, wäre das Problem gelöst. Doch Bennett interessiert sich nicht für das Ziel, sondern für den Weg dorthin. Die Gefahr. Der Druck. Dieser kurze Moment, in dem plötzlich alles eine existenzielle Bedeutung bekommt. Er scheint sich selbst fast lethargisch dabei zuzusehen, wie er sein Leben gegen die Wand fährt. Bei Bennett hat man das Gefühl, dass er testen will, wie weit er gehen kann, bevor das Konstrukt in sich zusammenbricht.

Der Mythos des Sisyphos am Spieltisch

Interessanterweise habe ich erst viel später Albert Camus gelesen – und plötzlich musste ich wieder an diesen Film denken. Nicht, weil The Gambler (2014, Regie: Rupert Wyatt) ein hochphilosophischer Film wäre – das ist er sicher nicht. Aber im Nachhinein wurde mir klar, dass Bennett für mich eine spannende Gegenposition zu Camus’ Gedanken über das Absurde darstellt. Camus fragt sich, was der Mensch tut, wenn er nach Sinn sucht, die Welt ihm aber keinen liefert. In Der Mythos des Sisyphos muss die Hauptfigur bekanntlich immer wieder denselben Stein den Berg hinaufrollen, wohlwissend, dass er nie endgültig gewinnen wird. Der entscheidende Punkt: Sisyphos akzeptiert diesen Zustand. Er macht weiter und findet gerade in dieser Akzeptanz eine Form von Freiheit.

Bennett kann das nicht. Auch er spürt die fundamentale Leere, aber er flieht vor ihr. Während Sisyphos seinen Stein akzeptiert, braucht Bennett den nächsten Einsatz. Jedes Mal, wenn er alles auf eine Karte setzt, verschwindet die Sinnlosigkeit für einen Wimpernschlag. Plötzlich zählt nur noch die nächste Karte, das Geld, die unmittelbare Bedrohung. Das ist seine eigentliche Sucht: Nicht das Glücksspiel an sich, sondern das Gefühl, dass für einen kurzen Moment wirklich etwas auf dem Spiel steht.

„Was macht man mit seiner Freiheit, wenn man nicht weiß, wofür man eigentlich frei sein will?“

Die Flucht vor der eigenen Freiheit

Genau dieses Dilemma wird zu Bennetts zentraler Tragik: Er besitzt im Grunde alle Freiheiten. Er könnte schreiben, lehren und sich ein erfülltes Leben aufbauen. Aber Freiheit bedeutet eben auch die Last, selbst entscheiden zu müssen, was das eigene Leben bedeuten soll. Damit kommt Bennett nicht klar. Also schafft er sich künstliche, brutale Grenzen: Schulden, Deadlines, tödliche Gefahr. Dadurch wird sein Leben plötzlich erschreckend einfach: Gewinnen oder verlieren. Alles oder nichts. Es bleibt kein Raum mehr für die quälende Frage, was das alles eigentlich soll.

Als ich dann später wieder einmal einen meiner absoluten Lieblingsfilme geschaut habe – Pulp Fiction (1994, Regie: Quentin Tarantino) –, bin ich über eine Zeile gestolpert, die im Kopf sofort die Verbindung zu The Gambler hergestellt hat. Es war fast so wie in der Vorlesungsszene, in der Bennett vor seinen Studenten steht und über Camus spricht, während er die sechste Kugel im Revolver beim russischen Roulette als das ultimative Symbol für das unausweichliche Schicksal sieht. Genauso ein Symbol war dieses Zitat für mich, als Jules am Ende des Films über seine Rolle in der Welt nachdenkt:

„Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. [...] Und ich werde an ihnen furchtbare Rache üben [...] Ich versuche, Ringo. Ich versuche wirklich, der Hirte zu sein.“

In Pulp Fiction geht es um den Versuch, die Verantwortung zu übernehmen und die Schwachen durch das Jammertal zu führen. Bennett ist das exakte Gegenteil von diesem Hirten. Er versucht gar nicht erst, die Kontrolle über sein Leben zu behalten oder sich um irgendwen zu kümmern. Er lässt sich lieber völlig passiv in Situationen treiben, in denen das Schicksal, der nächste unberechenbare Kartendeal oder kriminelle Gläubiger bestimmen, was als Nächstes passiert. Er lagert die Verantwortung für seine Existenz komplett an den Zufall aus – er will kein Hirte sein, er will die Kugel herausfordern. Bennett taumelt psychisch genau auf dieser hauchdünnen Grenze zwischen arroganter Selbstrechtfertigung und absolutem, fast manischem Drang zur Selbstzerstörung.

Es ist die Stimmung, Ringo. Die Stimmung.

Ich wusste anfangs selbst nicht richtig, warum mich dieser Film eigentlich so erwischt hat. Die Story ist es jedenfalls nicht, und die restlichen Elemente sind es auch kaum. Aber dieser Film funktioniert über etwas viel Subtileres: Man kann sich komplett in seiner genialen Atmosphäre verlieren. Um es frei nach Pulp Fiction zu sagen: Es ist die Stimmung, Ringo. Die Stimmung. Die Inszenierung fängt Bennetts inneren Zustand perfekt ein. Die Beleuchtung in den nächtlichen Straßen von LA und Casinos ist kalt, dunkel und künstlich. Obwohl das Casino ein Ort voller Licht, Geld und Menschen ist, wirkt er darin absolut isoliert und verloren. Der Score verstärkt dieses Gefühl noch: Er erzeugt eine permanente, nervöse Unruhe. Man wartet förmlich darauf, dass Bennett den nächsten fatalen Schritt tut.

Der Film hat seine offensichtlichen Schwächen: Die Dialoge schrammen manchmal haarscharf an prätentiösem „Schaut mal, wie tiefgründig ich bin“-Gerede vorbei. Zudem bleibt die Liebesgeschichte mit Brie Larson völlig blass, die eigentlich genialen Nebendarsteller um John Goodman und Jessica Lang verkommen zu reinen Stichwortgebern und dem Finale fehlt der Mut zur echten, schmerzhaften Konsequenz – es ist am Ende eine Spur zu sehr Hollywood. Aber das, was über die eiskalte Stimmung hängen bleibt, wiegt für mich schwerer als diese Mängel.

Uncut Gems (2019, Regie: Josh & Benny Safdie)

Das Kino der faszinierenden Grenzgänger

Diese Charaktere faszinieren mich auch in anderen Filmen. Der offensichtlichste Vergleich ist Adam Sandlers Figur in Uncut Gems (2019, Regie: Josh & Benny Safdie), die ebenfalls niemals aufhören kann. In Nightcrawler (2014, Regie: Dan Gilroy) ist es zwar kein Glücksspiel, aber Jake Gyllenhaals Lou Bloom besitzt dieselbe psychopathische Konsequenz im Verfolgen seiner eigenen Logik. Paul Schraders The Card Counter (2021, Regie: Paul Schrader) geht noch tiefer in Richtung Schuld und Selbstbestrafung, während The Machinist (2004, Regie: Brad Anderson) den ultimativen körperlichen und psychischen Verfall zeigt.

Was diese Filme eint, ist nicht das Genre, sondern der Charaktertypus. Männer, die aus der Bahn geworfen wurden, aber keine reinen Opfer ihrer Umstände sind. Man muss sie nicht mögen oder verstehen, aber man kann den Blick nicht von ihnen abwenden.

The Gambler ist kein perfektes Werk. Aber er besitzt etwas, das mir bei vielen technisch makellosen Filmen fehlt: Er hinterlässt eine Figur, die im Kopf bleibt. Jim Bennett hallt nach. Nicht, weil ich so sein möchte wie er, sondern weil er am Ende eine universelle, unbequeme Frage aufwirft, die mich noch lange nach dem Abspann beschäftigt:

The Card Counter (2021, Regie: Paul Schrader)

Was macht man mit seiner Freiheit, wenn man nicht weiß, wofür man eigentlich frei sein will?

In einer Filmlandschaft, die oft auf stromlinienförmige Helden und moralische Eindeutigkeit setzt, bricht der Gambler mit den gängigen Konventionen. Er nutzt seine Privilegien nicht, um aufzusteigen, sondern um das eigene Fundament konsequent abzutragen. Die Spielsucht fungiert hier weniger als bloßer Kontrollverlust, sondern vielmehr als eine radikale, fast nihilistische Verweigerung gegenüber den gesellschaftlichen Erwartungen. Erst am absoluten Nullpunkt – befreit von Besitz, Status und Absicherung – entblößt der Film das nackte, ungeschönte Wesen seiner Hauptfigur.

Der Film konfrontiert uns mit einer existentiellen Leere, die das Kino sonst so gerne mit Pathos überschüttet. Bennett fordert das Schicksal heraus und zwingt uns dazu, über die eigene Orientierungslosigkeit nachzudenken. Genau deshalb ist dieser Film für mich so viel besser, als er es laut der Bewertungen sein dürfte. Manchmal braucht es eben keinen perfekten Film, sondern nur die richtige Stimmung, um dem Stein von Sisyphos beim Rollen zuzusehen.