
The Mongoose
„Ein Film ist wie eine Postkutsche: Wenn er erst einmal rollt, muss man darauf achten, dass die Passagiere nicht einschlafen.“
— François Truffaut
M. Vanselow I USA 2026 I FSK 16 I 98 Min.
Manche Filme scheitern an ihren eigenen, übergroßen Ambitionen – The Mongoose versucht es noch nicht einmal. Vom ersten Bild an sieht hier alles nach billiger Nachmittags-Telenovela aus, garniert mit einem Schauspiel, das jedes abgenutzte Klischee abhakt. Dabei klingt die Ausgangslage nach klassischem Thriller-Stoff: Der hochdekorierte Kriegsveteran Ryan „Fang“ Flanagan (Liam Neeson) tötet den gewalttätigen neuen Partner seiner Ex-Frau (Marisa Tomei) in Notwehr, wird fälschlicherweise des Mordes bezichtigt und flieht in einem gestohlenen Ford Mustang Shelby Super Snake. Unterstützt von seinen alten Special-Forces-Kameraden, liefert er sich fortan eine landesweit im Fernsehen übertragene Verfolgungsjagd mit der Polizei.
Damit reiht sich The Mongoose nahtlos in jene seelenlose Streaming-Fließbandware ein, mit der Plattformen wie Netflix und Prime Video das Action-Genre seit Jahren fluten: Austauschbare Schnellschüsse wie Ghosted, The Gray Man oder Red Notice haben vorgemacht, wie man bekannte Stars vor billige Kulissen stellt, ein paar generische Autostunts abfilmt und das Ergebnis als großes Event verkauft. Doch The Mongoose unterbietet selbst dieses niedrige Niveau noch einmal mühelos – und wirkt lange Strecken wie ein überlanger, 98-minütiger Werbespot für den Ford Mustang. Schon nach wenigen Minuten fragt man sich ratlos, was dieser Film überhaupt sein will: ein gesellschaftspolitisches Plädoyer für vergessene Kriegsveteranen, denen niemand mehr zuhört – oder eine alberne Action-Komödie? Weil sich die Regie nie entscheiden kann, geht der Tonfall komplett baden. Statt einer eigenen Handschrift bekommt man den angestaubten Fernseh-Look einer durchschnittlichen A-Team-Folge aus den 1980ern vorgesetzt – nur eben ohne deren Charme, ohne Ironie und ohne echte Stunt-Arbeit.
„Obwohl der Film kaum mehr als anderthalb Stunden dauert, fühlt er sich an, als würde man zwei Stunden im zähen Feierabendstau stecken.“
Sitz-Kino im Homeoffice-Modus
Wer nach einer gefühlten Ewigkeit auf Pause drückt und sieht, wie viel Strecke auf dem Zeitbalken noch vor einem liegt, merkt erschrocken, dass eigentlich nichts passiert ist – obwohl Neeson doch unentwegt davonrast. Dabei war er nie ein klassischer Action-Star: Als ihm 2008 mit Taken ein Welthit gelang, funktionierte das, weil niemand dem seriösen Charakterdarsteller einen solchen Rache-Thriller zugetraut hatte. Statt diesen Triumph als einmaliges Ausrufezeichen stehen zu lassen, kopierte er die Formel am Fließband und drehte immer wieder denselben Film – nur jedes Mal ein Stück schlechter. Mittlerweile gleicht seine späte Filmografie einem wahren Friedhof, den er mit vergessenen, austauschbaren Action-Leichen übersät hat – von The Commuter über Honest Thief und Blacklight bis hin zu Retribution.
In The Mongoose verkommt Schauspielerei endgültig zur Sitzgelegenheit: Fast den gesamten Film über klebt Neeson hinter dem Steuer, sodass man sich fragt, ob er 90 Prozent seiner Szenen nicht einfach im Homeoffice vor einem Greenscreen abgedreht hat. Diese Trägheit scheint am Set ansteckend gewesen zu sein: Auch Co-Star Ving Rhames bewegt sich keinen Millimeter und wechselt bloß die Sitzplätze – erst im Gefangenenlager, dann in seiner Werkstatt, schließlich im Hubschrauber. Im wahrsten Sinne des Wortes sitzt auch er hier nur seine Zeit ab.
„Spätestens hier weiß der Film selbst nicht mehr, ob man mit einem gebrochenen Kriegsveteranen mitfühlen oder über einen überforderten Rentner im High-Tech-Cockpit lachen soll.“
Trottel-Cops und unfreiwillige KI-Satire
Dazu passt ein Drehbuch, das die einfachste Grundregel des Spannungskinos vergisst: Ein Held ist nur so stark wie seine Gegner. Hier besteht die Staatsmacht jedoch aus Uniformträgern, die sich so begriffsstutzig anstellen, als wären sie einer billigen Provinz-Posse entsprungen – selbst mit Dutzenden Streifenwagen und mehreren Hubschraubern schaffen sie es im gesamten Film nicht einmal, eine Straße ohne peinliche Panne abzuriegeln. Statt einer packenden Treibjagd sieht man einer Behörde zu, wie sie über ihre eigenen Füße stolpert.
Als hätte man im Schneideraum gemerkt, wie hohl das alles ist, klebt der Film der Hauptfigur eine traumatische Vorgeschichte an, die wie ein völliger Fremdkörper wirkt. Statt echte Tiefe zu entwickeln, werden die Parolen rund um das Veteranen-Schicksal derart plump und hölzern serviert, dass sie stellenweise wie unfreiwillige Propaganda wirken – flankiert von einer TV-Reporterin, die dem Publikum wie ein Erklärbär ständig direkt in die Kamera aufsagen muss, was gerade geschieht und warum wir mit der Hauptfigur mitfühlen sollen. Endgültig aus dem Film fliegt man aber bei den absurden Dialogen zwischen Neeson und seiner Auto-KI: Die gestelzten Wortgefechte mit dem Bordcomputer sind unfreiwillig komisch – gekrönt von dem albernen Running Gag, wie Neeson jedes Mal mit demonstrativ zitternder Hand auf den Auflegen-Button hämmert. Spätestens hier weiß der Film selbst nicht mehr, ob man mit einem gebrochenen Kriegsveteranen mitfühlen oder über einen überforderten Rentner im High-Tech-Cockpit lachen soll.
„Zwischen dem, was der Tacho behauptet, und dem, was man tatsächlich sieht, klafft eine riesige Lücke – eine gemächliche Sonntagsfahrt mit nachträglich unterlegten Motorengeräuschen.“
Tacho-Schwindel und Vier-Mann-Proteste
Auch visuell sabotiert sich der Film selbst. Immer wieder schneidet die Kamera auf den Tacho des Mustangs, dessen Nadel im tiefroten Bereich halsbrecherisches Tempo behauptet. Das eigentliche Bild erzählt aber eine andere Geschichte: Weder Kamera noch Schnitt erzeugen auch nur im Ansatz Geschwindigkeit oder Fliehkraft. Zwischen dem, was der Tacho behauptet, und dem, was man tatsächlich sieht, klafft eine riesige Lücke – eine gemächliche Sonntagsfahrt mit nachträglich unterlegten Motorengeräuschen.
Diese Kluft zwischen Behauptung und gezeigter Realität zieht sich durch den gesamten Film. Verkündet ein Nachrichtensprecher im TV gewaltige Protestwellen im ganzen Land, schneidet die Regie auf exakt vier Statisten mit Pappschildern. Genauso unglaubwürdig gerät die Szene, in der der demolierte Wagen kurzerhand umlackiert wird und wie durch Zauberhand nicht nur eine neue Farbe bekommt, sondern plötzlich wieder fabrikneu und ohne jeden Kratzer dasteht. Gekrönt wird dieser Unsinn schließlich vom Finale, in dem sich die Figuren für eine komplett konstruierte letzte Action-Einlage unnötig in Gefahr bringen, obwohl sie einfach nur anhalten müssten.
Zwar sieht der hochgezüchtete Mustang ohne Frage schick aus und auch die Musik sorgt ab und an für ganz brauchbare Momente – doch diese kleinen Lichtblicke retten den Film nicht. Unterm Strich ist The Mongoose keine unterschätzte B-Seiten-Perle, sondern ein trauriger Beleg dafür, wohin der Weg führt, wenn man sich nicht zwischen ernstem Veteranen-Drama und alberner Komödie entscheiden kann – und dabei auf ein stimmiges Drehbuch, wache Schauspieler und elementare Filmlogik verzichtet. Seinen Titel leiht sich der Film vom Mungo, einem blitzschnellen, furchtlosen Raubtier, das selbst hochgiftige Schlangen bezwingt; auf dem Bildschirm entpuppt sich das Werk jedoch als behäbige Schildkröte im Feierabendstau. Ein zähes, billig gefilmtes Sitz-Kino, das sein Publikum keine Sekunde ernst nimmt.