
Passengers
Director Morten Tyldum
USA 2016 I FSK 12 I 116 Min.
With Chris Pratt I Michael Sheen
Jennifer Lawrence I Andy Garcia
Szudio Columbia Pictures
Budget $ 110 Mio.
Spoiler-Warnung vorab: Der folgende Text analysiert zentrale Plot-Punkte und das Ende von Passengers Wer den Film noch unvoreingenommen sehen möchte, sollte hier aufhören zu lesen – oder wer Lust hat, die versteckten Puzzleteile zu suchen und das Ganze selbst zusammenzusetzen, bleibt genau jetzt dran.
Ein mörderischer, interstellarer Egotrip, der die nackte Existenzzerstörung einer Frau hinter den feigen Kulissen einer glanzvollen Valentinstags-Romanze begräbt.
Ein riesiger, stählerner Sarg schippert mit fünftausend tiefgefrorenen Menschen durch das pechschwarze, unendliche Nichts des Weltalls. Alles läuft nach Plan, die Zeit ist für ein Jahrhundert eingefroren – bis ein fetter Asteroid in die Außenhaut kracht. Es gibt eine winzige Kettenreaktion in der Elektronik, das System spinnt ganz kurz an einer einzigen Stelle und reißt ausgerechnet den einfachen Mechaniker Jim (Chris Pratt) aus dem Tiefschlaf. Und zwar stolze neunzig Jahre zu früh.
Jim wachst auf und stellt fest: Er ist gefangen in einer glitzernden, aber völlig toten Luxus-Hölle. Er ist verdammt dazu, als einziger wacher Geist in einer schweigenden Grabkammer zu vegetieren, während um ihn herum alle im Tiefschlaf weiterträumen. Nach einem kompletten Jahr in absoluter, markerschütternder Isolation, kurz vor dem endgültigen Durchdrehen, bleibt sein gieriger Blick an der schlafenden Aurora (Jennifer Lawrence) hängen. Und aus purem, nacktem Egoismus bricht er ihre Kapsel auf. Er weckt sie auf und verurteilt sie damit zum Tode auf diesem Schiff, nur um selbst nicht allein sterben zu müssen.
Passengers hätte der intensivste, fieseste Psychothriller der jüngeren Kinogeschichte werden können. Aber was auf der Leinwand landete, ist eine weichgespülte Liebesgeschichte, die dieses unfassbare moralische Dilemma unter tonnenweise kitschigem Popcorn-Pathos begräbt. Wenn man die Prämisse auf ihren bitteren Kern reduziert, blickt man in einen tiefen Abgrund. Aber anstatt genau diesen monströsen Punkt handwerklich auszunutzen, beraubt sich der Film im Schneideraum seiner kompletten Wucht. Da wurde eine echte Perle einfach hingerichtet.
Die falsche Chronologie: Warum die erste Stunde die komplette Spannung klaut
Die echte Kinofassung fängt komplett linear an. Und genau das ist der Genickbruch, weil es der Story von der ersten Sekunde an jede Chance auf ein paranoides Schwindelgefühl nimmt. Der Zuschauer guckt Jim eine halbe Stunde lang dabei zu, wie er in den glänzenden Transiträumen depressiv wird, wie er mit sich ringt, säuft und am Ende die wehrlose Aurora künstlich aufweckt.
Indem der Film das an den Anfang stellt, wird das Publikum im Kinosaal sofort zu Mitwissern gemacht. Man weiß die ganze Zeit, dass dieser nette, charmante Typ in Wahrheit ein emotionaler Geiselnehmer ist. Jede spätere Annäherung, jedes Lächeln und jeder Drink an der Bar schmeckt dadurch nach einer total inszenierten Lügenkonstruktion. Hollywood hatte am Ende einfach nicht den inszenatorischen Mut, den romantischen Hauptdarsteller als das zu entlarven, was er hier draußen im Nirgendwo eigentlich ist: ein psychopathischer Stalker, der das Leben einer Frau für sein eigenes Überleben anzapft.
Die Kathedralen des luxuriösen Fegefeuers
Dabei sind die Kulissen phänomenal. Diese sterilen, verglasten Einkaufspassagen und die endlosen, im fahlen Licht der Schiffs-Halogene schimmernden Korridore spiegeln eine zutiefst kaputte Gesellschaftspsyche wider. Der Kontrast zwischen der unendlichen Schwärze des Weltalls vor den gigantischen Panoramafenstern und der engen Luxussuite zeigt, dass diese ganze zivilisatorische Ordnung der Zukunft nur eine hauchdünne Membran über dem nackten Grauen ist. Die Avalon wirkt wie eine gigantische, stählerne Grabkammer auf Schienen. Das monotone Summen der Fusionsreaktoren zählt im Hintergrund unnachgiebig die verbleibende Lebenszeit der beiden herunter, während die Fassade aus Luxus und Champagner langsam wegbröckelt.
Der alternative Geniestreich: Wie der richtige Schnitt alles verändert hätte
Die absolute Wucht dieses Stoffs liegt in einer Version, die das Studio niemals freiwillig ins Kino gelassen hätte. Um das Publikum so richtig in dieses psychologische Fegefeuer reinzuschmeißen, hätte man die Chronologie der Ereignisse im Schnittraum komplett auf den Kopf stellen müssen. Der Film hätte niemals mit der Einsamkeit von Jim beginnen dürfen – er hätte exakt in der Sekunde zünden müssen, in der die Kapsel von Aurora aufzischt und sie nach Luft ringend ins grelle Halogenlicht stürzt.
Die komplette erste Hälfte des Films hätte ausschließlich aus ihrer Perspektive erlebt werden müssen. Der Betrachter wäre zusammen mit ihr in diese klaustrophobische Desorientierung geworfen worden. Man hätte miterlebt, wie sie im leeren Schiff auf diesen einen anderen Überlebenden trifft. Jim wäre ihr Fels in der Brandung gewesen, ihr Retter und Seelentaucher im unendlichen Nirgendwo. Das Kino hätte die perfekte Illusion einer wunderschönen Lovestory verkauft. Man hätte mitgelitten, mitgefiebert und diesen Typen bedingungslos für den absolut Guten gehalten.
Und dann – exakt zur Mitte des Films – kommt der brutale Schlag in die Magengrube. Sie steht an der Bar, und der Roboter-Bartender Arthur (Michael Sheen) plaudert die Wahrheit aus. In genau diesem Moment der Erkenntnis hätte das Erzähltempo explodieren müssen. Ein harter, stakkatoartiger Sprung zurück im Schnittraum, und die ersten dreißig Minuten des echten Films wären dem Betrachter als markerschütternde Horror-Rückblende um die Ohren geflogen!
Besonders intensiv zeigt sich die ungeschönte Realität im Moment des Umschwungs: Man beobachtet, wie Jim sie wochenlang im Schlaf belauert hat. Man sieht seine obsessive Fixierung auf ihren Körper, sein nervöses Festkrallen am Auslösemechanismus und den gehetzten Atemreflex in der Sekunde, in der er den Hebel umlegt. In dem Moment, in dem die Wahrheit durchbricht, mutiert das angebliche Date-Movie zu einem interstellaren Albtraum, der die eigene Mitschuld rücksichtslos ins Gesicht schleudert. Es wird schlagartig klar, dass man die ganze Zeit mit einem Entführer mitgefiebert hat.
Kameramann Rodrigo Prieto hätte hier über extreme Kontraste und entsättigte Bildkader das matte Glänzen der Neonlampen direkt als visuelle Falle inszenieren können. Das Sounddesign hätte im Moment der Erkenntnis alle orchestralen Klänge vollständig gekillt, um den Raum mit dem trockenen, scharfen Zischen der Kapselbelüftung zu fluten. Das hätte dieses profane Erstickungsgefühl der totalen Wehrlosigkeit akustisch eins zu eins in die Gehörgänge geprügelt.
Das Gesetz des Abgrunds: Wenn die Zivilisation im Vakuum verrottet
Dieses Ding ist eine astreine Parabel über den ungeschminkten Überlebenskampf. Der Mensch bricht im Geheimen abseits von Regeln, Richtern und gesellschaftlicher Kontrolle sofort mit seiner gesamten Moral. Sobald keine Konsequenzen mehr drohen, regiert auf diesem Schiff nur noch der egoistische Selbsterhaltungstrieb, der unweigerlich den Schwächeren zermalmt.
Die unerträgliche Einsamkeit entzieht Jims Handeln Schicht für Schicht jede soziale Norm. Um seine eigene Psyche vor dem endgültigen Absturz zu retten, stiehlt er kaltblütig das Leben einer unschuldigen Frau. Das absolut Fatale an der realen Kinofassung ist, dass Hollywood diesen eiskalten Machtkomplex im letzten Drittel völlig feige weichspült. Der Film zwingt die Heldin durch einen erzwungenen Action-Showdown in ein klassisches Stockholm-Syndrom: Sie verzeiht ihrem Schlächter, teilt ihr Leben mit ihm und richtet sich am Ende gemütlich in ihrem Käfig ein. Der richtige Schnittraum-Kniff hätte diese verlogene Maskerade komplett in Schutt und Asche gelegt und den Film als das stehengelassen, was er eigentlich ist: das deprimierende Requiem auf ein gestohlenes Leben in der Ewigkeit.
Das vergebene Potenzial eines feigen Studio-Systems
Dieses Versäumnis lässt einen im Kinosessel mit einer ohnmächtigen Wut auf die Feigheit des kommerziellen Studio-Systems zurück. Anstatt das Publikum mit einer ungemütlichen, intensiven Studie über die Abgründe der menschlichen Natur zu konfrontieren, zermalmt die gefällige Inszenierung jegliche Radikalität für eine weichgespülte Weltraum-Romanze zum Valentinstag. Man möchte diese glatten, glattpolierten Bilder der Kinofassung eigenhändig aus dem Projektor reißen, um diesem feigen Kreislauf aus Massenkompatibilität und verschenktem Potenzial endlich ein jähes Ende zu setzen. Was für eine vertane Chance!
Das atmosphärische Destillat du verpatzten Geniestreichs
Eine einzelne, im fahlen Licht der Stationsbeleuchtung schimmernde, ungeöffnete Champagnerflasche steht verlassen auf dem makellosen Tresen der leeren Schiffsbar, während im Hintergrund das ferne, ungerührte Summen der Belüftungsanlage einsetzt. Das Bild fängt das Wesen dieser Analyse perfekt ein: Ein mikroskopisches Fragment des rituellen Verrats, das in der Beobachtung die absolute Isolation einer Frau greifbar macht, deren gesamte menschliche Existenz auf ein auswechselbares Werkzeug im gesetzlosen Vakuum des Schicksals reduziert wurde.
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Wichtige Prämierungen
- Academy Awards: Zwei Nominierungen für das Beste Szenenbild und die Beste Filmmusik.
Ökonomische Bilanz
- Produktionskosten: einhundertzehn Millionen Dollar
- Globales Einspielergebnis (Box Office): Das Science-Fiction-Drama spielte weltweit ein Einspielergebnis von über dreihundert Millionen Dollar weltweit ein.