War Dogs

Manche Filme streicheln die Seele wie ein lauer Sommerwind. Dieser hier ist ein Hagelschauer aus Blei. Er zeigt das blanke Entsetzen ohne Maske. Und das Erschreckendste daran: Die Realität hat dieses Drehbuch mit eigenem Schweiß und echtem Blut geschrieben. 


Todd Phillips I USA 2016 I FSK 12 I 114 Min.

Zwei Jungs aus Miami. Drei Millionen Schuss Munition. Ein blutiges Milliardengeschäft mit dem Verderben. Wie weit kriechst du, wenn das System dir das Tor zur unendlichen Gier öffnet? Werden aus kleinen Fischen die brutalsten Haie? Oder sind sie am Ende doch nur das billige Futter im großen, mahlenden Getriebe des Krieges? Regisseur Todd Phillips wirft uns mitten hinein in den moralischen Abgrund des Waffenhandels. Rauh. Dreckig. Absolut erbarmungslos.

Phillips inszeniert dieses Morden ohne jedes falsche Pathos. Er zieht das Tempo an, bis die Schläfen hämmern, und hält die Zügel fest in der Hand. Das peitscht, das drückt, das nimmt dir die Luft zum Atmen. Es ist seelenloser Wahnsinn, verpackt in einen Rhythmus, der den Puls nach oben treibt. Das Blut pumpt wie eine schwere Dampfmaschine im Takt der Motoren. Das Herz schlägt schwer in der Brust.

Blutiges Handwerk
Der eine knetet fettes Fleisch. David Packouz beugt den Rücken für den schnellen Dollar der reichen Gesellschaft. Währenddessen schreit das ungeborene Leben im Bauch seiner Frau nach Zukunft. Ein Sklave seiner eigenen Armut. Dann bricht die Vergangenheit durch die Tür: Efraim Diveroli. Ein Wolf mit einer goldenen Fährte. Er hat das Fleisch gerochen, das das Pentagon im Netz verfaulen lässt. FedBizOpps. Ein digitaler Trog für die Geier der Welt. Sie fangen klein an. Sie lecken das Blut vom Boden wie hungrige Hunde. Ein paar tausend Pistolen für die Hand. Und dann beißt das ganz große Monstrum an: Ein 300-Millionen-Deal für Afghanistan. Albanische Bunker, die den Tod seit Jahrzehnten im Dunkeln hüten. Ein blinder Ritt durch das Dreieck des Todes im Irak. Wo der Asphalt brennt. Wo die Luft nach Schwefel schmeckt. Es gibt kein Zurück mehr. Sie haben das Tor zur Hölle aufgestoßen. Die Gier hat sie gefressen.

In der Arena der Hyänen

„Was ich mache, ist nicht illegal. Es ist legal. Es ist extrem profitabel und es ist absolut notwendig.“

– Efraim Diveroli

Manche Filme streicheln die Seele wie ein lauer Sommerwind. Dieser hier ist ein Hagelschauer aus Blei. Er zeigt das blanke Entsetzen ohne Maske. Und das Erschreckendste daran: Die Realität hat dieses Drehbuch mit eigenem Schweiß und echtem Blut geschrieben. Dies ist kein Hirngespinst eines Hollywood-Autors, sondern das Protokoll wahrer Begebenheiten. Junge Menschen, die tatsächlich existierten, haben diesen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Seht sie euch an, diese Kreaturen der Nacht. Zwei echte Wölfe im hellen, blendenden Sonnenschein von Florida. Sie verlieren den Verstand, weil sie das Blut am Horizont riechen. Sie tragen keine Uniformen. Sie müssen nicht in den Schlamm. Ihre Gräben sind klimatisierte Büros. Ihre Bajonette sind Laptops und Telefone. Sie belügen die Welt. Sie belügen ihre Frauen. Und am Ende fressen sie sich gegenseitig auf wie Skorpione im Glas. Eine giftige Mischung aus Größenwahn, Koks und der absoluten Abwesenheit von Moral. Die Regie seziert diesen historisch belegten Wahnsinn mit einer chirurgischen Kälte, die wehtut. Kein Bild ist zu viel. Kein Schnitt ist sanft. Das Messer schneidet tief durch Fleisch und Knochen – und genau so muss Kino sein.

Ein falsches Lachen im Maßanzug

„Ein Schuss ist kein Schicksal – ein Schuss ist ein verdammtes Dollarzeichen, das in den Kassen dieser Parasiten klingelt.“

– Efraim Diveroli

Jonah Hill spielt diesen Efraim Diveroli. Er schleudert pure, ungefilterte Bosheit auf die Leinwand. Dieses Lachen! Ein widerliches, psychopathisches Kreischen, das den Geist des Betrachters gefangen nimmt und die Stille zerschlägt. Er ist eine Hyäne, die sich die Reste vom Tisch des Pentagons holt. Er zieht sich die Gier durch die Nase. Er verspottet die Ernte des jüngsten Gerichts. Hill drückt dich mit der Wucht einer Lawine in den Sessel, dass es dich fast zerreißt. Er spielt das nicht nur. Er wird selbst zum Gift, das durch die Adern kriecht. Er manipuliert das gesamte Regelwerk der westlichen Welt zu seinem eigenen Vorteil. Er spuckt auf die Gesetze. Er bricht die Verträge, noch ehe die Tinte trocken ist. Jedes Wort aus seinem Mund fliegt wie eine Kugel. Jede Umarmung fühlt sich an wie ein verdeckter Dolchstoß. Ein Monster, das im hellen Licht der Sonne gedeiht.

Das Zerrbild eines Narzissten
Auf psychologischer Ebene ist Efraim Diveroli eine faszinierende, zutiefst gestörte Studie der menschlichen Verderbtheit. Er besitzt kein moralisches Gewissen. Er kennt keine echte Empathie. Seine gesamte Existenz ist ein rein transaktionales Chamäleon-Spiel: Er spiegelt sein Gegenüber. Er kriecht ihm unter die Haut. Er wird zu dem, was der andere sehen will – nur um ihm im nächsten Moment das Messer in den Rücken zu rammen. Hinter der prahlenden Fassade des internationalen Waffengroßdealers lauert ein bodenloser Abgrund aus grenzenlosem Egoismus und unkontrollierbarer Paranoia. Er bewertet Menschen nicht nach ihrem Wert, sondern nach ihrer Nützlichkeit für seine eigene Bereicherung. Er ist ein absolut manipulativer Soziopath, der die Realität so lange verbiegt, bis er selbst an seine eigenen Lügen glaubt. Er giert nach Anerkennung. Doch er erntet nur Isolation. Ein Mann, der so sehr versucht, ein Raubtier zu sein, dass er vergisst, wie man ein Mensch ist.

Die Zerrissenheit der Mitläufer
Und Miles Teller als David? Das ist das eigentlich Erschreckende an dieser toxischen Symbiose. Das schwache Fleisch, das dem Lockruf des Geldes folgt wie eine Motte dem Licht. Er läuft mit. Er lässt sich infizieren. Er schaut zu, wie das Geld seine Hände einsaut. Er ist blind vor Verlangen nach dem schnellen Aufstieg. Das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller ist schmerzhaft perfekt inszeniert. Wie zwei tollwütige Hunde, die sich um denselben Knochen reißen und sich dabei gegenseitig die Haut vom Leib fetzen. David ist der normale Mann. Der Jedermann, der sich einredet, er tue es nur für das ungeborene Kind. In Wahrheit ist er längst süchtig nach dem Adrenalin des illegalen Erfolgs. Seine Auen sind weit offen, doch er ist blind. Sein inneres Fundament versinkt in Schutt und Asche, noch bevor die Justiz überhaupt an seine Tür klopfen kann. Wenn das Gewissen erst einmal schweigt, gibt es kein Halten mehr. Die Transformation vom unbescholtenen Bürger zum kaltblütigen Geschäftsmann des Todes vollzieht sich schleichend wie ein schleichendes Gift. Aber unaufhaltsam.

Kalte Logik und verrostete Patronen
Todd Phillips blickt tief in die Verstrickungen des Militärkomplexes. Er zeigt uns mit dokumentarischer Härte, dass Krieg im 21. Jahrhundert kein Pathos mehr besitzt. Krieg ist keine Ehre. Krieg ist reine Marktforschung. Ein kaltes, steriles Konstruieren von absolutem Wahnsinn auf dem Rücken derer, die namenlos im fernen Wüstensand verrecken. Hier wird das Grauen nicht durch heroische Schlachtenbilder transportiert, sondern durch nackte Zahlen auf Excel-Tabellen. Die Bürokratie des Todes ist der wahre Bösewicht.

Die „50/50“-Fahrt durch die Hölle

„50/50? Was meinst du mit 50/50? Heißt das, zu 50% überleben wir und zu 50% sterben wir?“  „Ja! Deswegen fahren wir nachts, das ist viel sicherer!“

Es gibt eine Szene, die den nackten Irrsinn dieses Films perfekt auf den Punkt bringt: Der Ritt durch das „Dreieck des Todes“ im Irak. Die Jungs müssen ihre feststeckenden Beretta-Pistolen persönlich nach Bagdad schmuggeln, weil der bürokratische Zoll ihnen den Saft abgedreht hat. Sie sitzen in einem klapprigen Truck mit einem einheimischen Fahrer. Wenn David panisch nach den Überlebenschancen fragt und der Fahrer im gebrochenen Englisch seelenruhig erklärt, dass die Chancen exakt bei 50/50 stehen, gefolgt von Efraims absurd-zugedröhnter Begeisterung über „kostenloses Benzin im Irak“ – dann brennt die Leinwand. Eine mörderisch spannende Sequenz. Sie presst dir das kalte Wasser der Angst aus den Poren, während dir gleichzeitig ein hysterisches Lachen im Hals stecken bleibt. Das ist purer, ungezähmter Überlebenskampf. Maskiert als makabrer Roadtrip. Sand im Mund. Schweiß im Auge. Die Gefahr schleicht sich an wie ein Leichentuch.

Die Kamera von Lawrence Sher kreiert einen mitreißenden Flow. Sie klebt am heißen, staubigen Asphalt von Bagdad. Sie brennt sich durch die gefährlichen Schmuggelrouten Jordaniens. Sie kriecht schließlich durch die grauen, eiskalten Lagerhallen Albaniens. Sher fängt diese Bilder meisterhaft ein – kalt, schwer, bar jeder menschlichen Wärme. Du spürst den Dreck förmlich unter deinen Fingernägeln. Dort stapeln sich Kisten voller verrosteter, jahrzehntealter chinesischer Patronen. Sie warten nur darauf, in Fleisch zu beißen wie kleine, hungrige Insekten. Phillips inszeniert diese osteuropäischen Kulissen wie eine Geisterbahn des Kalten Krieges – trostlos, staubig, dreckig. Untermalt wird das Ganze von einem brillant ironischen Soundtrack, der die Absurdität der Szenen perfekt auf die Spitze treibt. Wenn Leonard Cohens tiefe Stimme durch die staubigen Bunkersysteme dröhnt, spürt man die Kälte bis in die Knochen.

Das ungeschminkte Gesicht des Erfolgs
Dieser Film zieht oft still und unbemerkt am Auge der breiten Masse vorbei, weit abseits der großen, lautstarken Gangstersagas. Vielleicht, weil er die nackte Wahrheit der Realität zu unverhüllt spiegelt. Weil er den Schleier lüftet und zeigt, dass die wahren Unholde keine Masken vor dem Gesicht tragen, sondern teuren Stoff am Hals. Ein Schatten legt sich über das Werk, wenn die Erzählung im weiten Mittelteil kurzzeitig im eigenen Luxus badet. Da dehnt sich die Zeit zäh wie warmer Teig, das Feuer verliert für Augenblicke seine Kraft und der Rhythmus gerät ins Stocken – ein spürbarer Dämpfer im sonst so unbarmherzigen Lauf. Aber das System fängt sich wieder. Das System ist nicht korrumpiert – das System ist die Korruption. Die amerikanische Regierung wird hier als der größte Hehler von allen entlarvt. Sie schaut weg, solange die Lieferkette funktioniert und die Preise niedrig bleiben. Es geht nicht um Moral. Es geht um Logistik. Die Absurdität liegt darin, wie legal und durchorganisiert das Morden aus der Ferne abgewickelt wird.

Die Ironie des Falls
Am Ende triumphiert die bittere Gesetzmäßigkeit des Raubtierdaseins. Das gewaltige Fundament aus unzähligen Millionen zerbricht nicht an einer plötzlichen Umkehr der Herzen oder an der Reue der Seelen. Es stürzt ein durch die banale Verachtung der eigenen Brut. Es ist die eiskalte Luft im eigenen Nest, das Auspressen derer, die ganz unten die schmutzige Arbeit verrichten, die das gesamte Gebilde zum Einsturz bringt. Sie fallen am Ende nicht über das moralische Gewicht ihrer Taten, sondern stolpern über einen profanen, im eigenen Haus gesäten Verrat. Ein gieriger Tritt zu viel nach unten setzt eine Lawine in Bewegung, die alles mit sich reißt.


Kein seichtes, buntes Blendwerk für den billigen Zeitvertreib. Keine lahme Schenkelklopfer-Komödie für den schnellen Rausch. Todd Phillips liefert das Protokoll einer seelischen Verwesung. Ein dreckiges, schweres Stück Kino über den Moment, in dem der gierige Schlund der Gier den Verstand vollständig verschlingt. Bis auf die zähen Längen im Mittelteil handwerklich ein absolut wuchtiger Schlag in die Magengrube. Wer diesen Wolf füttert, blickt ohne Maske in die Fratze einer pervertierten Weltordnung. Ein Schlag ins Gesicht. Hart. Ehrlich. Erbarmungslos. Das Geschäft schläft nie. Das Fleisch bleibt heiß. Und am fahlen Himmel kreisen bereits die nächsten Geier, ungeduldig wartend auf das neue Festmahl.